„…dass ich mich weigere, darüber weitere Schuldgefühle zu empfinden.“

 

Die Nachwirkungen von sexuellem Verkehr zwischen Erwachsenem und Kind in späteren Partnerschaften des letzteren waren schon einmal Thema in diesem Blog. Der Text zu „Sie behauptet, es genossen zu haben“ war dem Blog Blooming Lotus von Faith Allen entnommen und hatte einen etwas komplizierten Zugang zum Thema, sozusagen um die Ecke herum: Nicht die Frau selber, die als Kind betroffen war, berichtete dort in launigen Worten, sondern ihr männlicher Partner, und zwar darüber, welchen Schwierigkeiten er sich beim gemeinsamen Sex gegenüber sah, wenn seine Geliebte mitten drin sich geistig ausklinkte, weil ihre Gedanken zu einem stärkeren Stimulans weggerutscht waren – zu dem, was sie eben als kleines Mädchen erlebt hatte.

Hier nun zwei weitere Kommentare aus dem Blog von Faith Allen, beigesteuert von zwei Frauen – stillgoing und Alice C. – die ihre Erfahrungen und Tipps zu einer ganz analogen Befindlichkeit austauschen, nur diesmal sozusagen aus erster Hand.

stillgoing:

»Ich wurde von meinem Vater von 2, 3 Jahren an bis zu meinem 16. Lebensjahr sexuell missbraucht, und es war ziemlich einseitig (er machte Sachen an mir), und ich habe es genossen. Selbst als ich mit 14 meinen ersten Freund bekam und merkte, dass es falsch war, ging ich immer noch zu ihm zurück – eher schien es mich noch mehr anzumachen, als mir klar wurde, warum es falsch war. Das liess mich wie ein kranker Freak fühlen. Unmittelbar nach jedem Orgasmus fühlte ich mich absolut angewidert von mir selbst und blieb ihm fern, bis ich mich das nächste Mal zu ihm zurück gezogen fühlte, weil die Orgasmen süchtig machten.«

»Ich hatte jahrelang Therapie, die mir geholfen hat, mein tägliches Leben und Probleme in Beziehungen zu bewältigen, aber ein großes Problem lauert immer noch. Ich kann weder alleine noch mit einem Partner Orgasmen erreichen, ohne negative Fantasien [damit sind wohl Fantasien mit dem Vater gemeint; mb.] zu haben. Diese sind heute weniger extrem als früher, aber trotzdem negativ. Ich kann Sex mit einem Partner genießen, aber um einen Orgasmus zu haben, MUSS ich meine Augen schließen und daran denken… an was auch immer [wohl an die Sexszenen mit dem Vater; mb]. Ich wünschte, ich könnte einen [Orgasmus? mb] haben, während ich tatsächlich mit meinem Partner zusammen ‚bin‘ oder ihn zumindest anschaue.«

»Eine andere Sache, mit der ich Probleme habe ist, wenn ich mich vor / während / nach dem Sex mit jemandem nicht extrem erregt fühle. Ich habe den unkontrollierbaren Drang, mich zuzudecken, weil ich mich völlig entblößt und verlegen fühle – genau so, wie ich mich nach einem Orgasmus während meiner Missbrauchszeit gefühlt habe.«

»Ich wünschte, ich könnte einen Weg finden, diese Probleme zu lösen. Ich möchte mein erstes Kind nicht empfangen, während ich an störende Dinge denke, und würde alles geben, um mich wohl zu fühlen, wenn ich nackt vor einem Partner bin.«

»Diese Site [die von Faith Allen; mn.] hat mir enorm geholfen. Meine Therapeutin sagte mir, dass Erregung eine normale Reaktion auf Missbrauch ist. Ich dachte aber, sie rede Mist, damit ich mich besser fühle. Es ist unglaublich beruhigend zu wissen, dass es anderen wirklich genauso geht.«

Alice C.:

»Deine Reaktionen auf deine Erfahrungen scheinen meinen unheimlich ähnlich zu sein. Auch mich hat es immer wieder zu meinem Täter zurück gezogen, weil die Orgasmen süchtig machten. Trotz meiner Schuld und Verlegenheit gab es viele Male, in denen ich den Missbrauch initiierte, anstelle von ihm. Ich pflegte mit meinem Täter zusammen nach Orgasmen zu suchen. Wenn ich während des Missbrauchs Schwierigkeiten hatte, einen zu haben, erregte mich während dem Sex das Nachdenken darüber, wie „falsch“ oder „böse“ oder „tabu“ es war, immer weiter bis zu dem Punkt, an dem es leicht war, einen Orgasmus zu erreichen. Ich fühle mich schuldig, wenn ich mich daran erinnere.«

»Was das „exponierte“ Gefühl nach dem Orgasmus betrifft (was sicher ein Produkt der Schuld ist), war ich dieselbe. Ich schien mich beim Sex überhaupt nicht zu schämen, aber wenn die Orgasmen einmal vorbei waren, wollte ich nichts mehr mit meinem Täter zu tun haben und versteckte sofort meinen Körper.«

»Ich erinnere mich, dass ich nie wollte, dass mein Stiefvater wusste, wie sehr ich den Missbrauch genoss, und ich wünschte, ich könnte das irgendwie vor ihm verbergen. Aber wenn ich kurz vor dem Orgasmus war, so war das immer SEHR offensichtlich, was mich äußerst verlegen machte. Er schien jedoch große Freude daran zu haben.«

»Ich denke, es wird immer eine Herausforderung sein, nach Jahren des Kindesmissbrauchs Zufriedenheit beim Sex mit Erwachsenen zu finden. Meine Gedanken / Fantasien werden oft auf frühe Erfahrungen zurückgeführt, aber ich sage mir, dass ich mich weigere, darüber weitere Schuldgefühle zu empfinden.«

stillgoing:

»Alice, es ist schön zu hören, dass ich nicht die einzige bin, die sich so gefühlt hat.«

»Ich weiß, egal was während des Missbrauchs passiert ist, dass es nicht meine Schuld war, weil er der Elternteil und der Erwachsene war, aber das macht es nicht einfach, mit den Gedanken / Gefühlen umzugehen, die ich zu der Zeit hatte, und die immer noch lauern und machen, dass ich mich schlecht fühle.«

»Da ich während des Missbrauchs schnell zum Orgasmus kam (bevor und nachdem ich festgestellt hatte, dass es falsch war), habe ich mich immer gefragt, ob ich jetzt mit einem Partner so leicht Orgasmen bekommen könnte, wenn der Missbrauch nicht stattgefunden hätte.«

»Ich denke, das ist etwas, was ich jetzt nie erfahren werde, aber wenn nicht-missbrauchte Menschen so viel Freude daran haben, mit jemandem in einer einvernehmlichen sexuellen Beziehung zusammen zu sein [so viel Freude, wie ich damals als Kind hatte; mb.], dann denke ich, dass ich endlich verstehe, warum die Welt von Sex besessen ist.«

Gegenüber dem ersten Text aus Blooming Lotus – „Sie behauptet, es genossen zu haben“ – erscheint hier ein neues Problem: Schuldgefühle. Ob diese sein müssen, lässt sich fragen. Befriedigende Erklärungen für deren Auftreten haben die Therapeuten wohl keine. Sie begnügen sich mit dem – nicht sehr therapeutischen – Hinweis, dass solche Gefühle unnötig seien, da man den Sex als Kind nicht gewollt haben könne (stillgoing und Alice C. zeigen das Gegenteil) und sowieso als Kind keine Verantwortung dafür getragen habe. Sicher ist, dass Schuldgefühle weit verbreitet sind, und dass viele weitere Folgen sich nicht als unmittelbare Reaktion auf den Sex selber ergeben, sondern als Folge der Schuldgefühle, und diese können auch nach initiiertem und genossenem Sex auftreten. Die Forschung macht es sich noch leichter. Sie geht solchen Befindlichkeiten im unmittelbaren Nachgang zum Sex und der weiteren Entwicklung von Schuldgefühlen gar nicht erst nach, sondern stellt nur nach gewohntem Schema einander „Ursache Kindesmissbrauch“ –> „Wirkung suizidäre Fantasien/Alkoholmissbrauch/PTBS“ usw. gegenüber und berechnet die Korrelation.

Dass es auch anders gehen könnte, lässt sich etwa in »Es war nicht nur schlecht.« Bekenntnisse einer Inzest-Überlebenden erahnen.

Dass der Sex selber sehr oft auch positiv erlebt wird, hat Susan Clancy in ihrer an der Harvard University vorgelegten Forschungsarbeit Der Trauma Mythos gezeigt.

Auch der Blogbeitrag „Am schlimmsten ist es, wenn die Kinder lachen.“ berührt diesen Komplex, in aktuellem Zusammenhang (Lügde). Nicht zuletzt sind hier wieder die beiden Ur-Forschungsberichte aus den Anfängen der modernen CSA-Forschung zu nennen: „Krankhafte Wirkungen auf das Seelenleben hat man überhaupt nicht nachweisen können.“ und „Die Reaktion der Kinder auf sexuelle Beziehungen mit Erwachsenen.“ In beiden gab es noch „Luft“ für positivere Entwicklungen.

Quelle: stillgoing in: Blooming Lotus, Do Sexually Abused Children Enjoy Orgasms from Rape or Sexual Abuse?

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„Sie behauptet, es genossen zu haben.“

INHALT – Überblick über alle Beiträge und Seiten in diesem Blog.

 

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3 Antworten zu „…dass ich mich weigere, darüber weitere Schuldgefühle zu empfinden.“

  1. Thomas Leske schreibt:

    Zur unmittelbaren Reaktion auf den Sex kann ich noch drei neuere Arbeiten beisteuern:

    Felson et. al. (2019), Reactions of Boys and Girls to Sexual Abuse and to Sexual Encounters with Peers, Journal of Youth and Adolescence, DOI 10.1007/s10964-019-01111-1

    Max Welter und Bruce Rind haben die Kinsey-Daten neu ausgewertet. Die für Deutschland relevanteste und zugänglichste ihrer Veröffentlichungen ist:

    Das gesellschaftliche Konstrukt der sexuellen Selbstbestimmung im deutschen Recht – empirische Überlegungen In: Sexualität und Strafe, 11. Beiheft zum Kriminologischen Journal, Hrsg. Klimke/Lautmann, ISBN 978-3-7799-3511-7, 2016 Beltz Verlag, S. 207–222

    Dies sind die beiden einzigen größeren Studien mit Vergleichsgruppen. (Sonst gibt es nur kleinere Willkürstichproben an Colleges, siehe Felson et. al. (2019)).

    Die dritte Arbeit ist in Deutschland die erste überhaupt, welche systematisch nach dem subjektiven Erleben gefragt hat:

    Judith Oelschläger, Sexuell grenzverletzende Erfahrungen in der Kindheit und Jugend, Dissertation, Universität Regensburg 2020

    Weiteres in meinem Blog-Eintrag:

    https://parabellum.minimalstaat.de/content/strafuntergrenze-bei-missbrauch#fiedler

  2. Thomas Leske schreibt:

    Max Welter und Bruce Rind schreiben (2016 im Beltz-Verlag, S. 217): „Die von Alfred Kinsey und seinen Kollegen interviewten Personen haben ihre ersten sexuellen Erfahrungen größtenteils in den 1920er bis 1940er Jahren gemacht. Zu dieser Zeit herrschte in den meisten gesellschaftlichen Kreisen der USA eine starke, meist religiös begründete Tabuisierung von Sexualität im Allgemeinen. Deshalb fanden diese Erfahrungen in einem diskursarmen Raum statt. Ein allgemeines Tabu schwächt durch sein selbst auferlegtes Schweigen seine eigene Wirkung.“

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